Positionspapier Referenzpreise

Referenzpreise – der falsche Weg?

Referenzpreise sind quasi Höchstpreise für die Erstattung der Kosten von Medikamenten mit abgelaufenem Patent über die Krankenversicherung. Diese Höchstpreise orientieren sich am Auslandpreisvergleich und dem Marktvolumen oder/und einem Preisvergleich wirkstoffgleicher Medikamente. Will der Prämienzahlende ein teureres Medikament beziehen, muss er die Differenz zum Referenzpreis selber bezahlen oder den Wechsel seines Medikamentes in Kauf nehmen. Für die Einführung eines Referenzpreissystems ist eine Änderung des Bundesgesetzes über die Krankenversicherung (KVG) notwendig.

Handelt es sich um eine Sparmassnahme, die zu Mehrkosten, höheren Prämien und schlechteren Leistungen führt?

Ja, die Sparmassnahme Referenzpreise bei patentabgelaufenen Medikamenten steht im Widerspruch zu den Zielsetzungen: nachhaltige Kostendämpfung, Generikaförderung, sicheren Anwendung von Arzneimitteln und sicheren Versorgung mit Arzneimitteln.

Die Prämienzahlenden und Patienten tragen nicht nur einen resultierenden Gesamtkostenanstieg und die neuen Risiken in Versorgung und Therapie, er zahlt auch aus eigener Tasche dazu und hat keine Wahl.

Die Sparmassnahme Referenzpreise führt damit zu Mehrkosten, höheren Prämien und schlechteren Leistungen.

Die Interessengemeinschaft Prämienzahler IGPZ setzt sich für ein faires, solidarisches und zahlbares Gesundheitswesen in der Schweiz ein. Die «38 Massnahmen des Bundesrates zur Kostendämpfung im Gesundheitswesen» schauen wir aus dieser Perspektive an.

Dabei unterscheidet die IGPZ zwischen den Massnahmen, die das Gesundheitswesen in Richtung «günstiger und besser» bewegen und den Massnahmen, die das Gesundheitswesen «teurer und schlechter» machen.

Massnahmen, die einen Hebel in Richtung «günstiger und besser» setzen, betrachten wir als «fair + solidarisch + zahlbar» und unterstützen diese.

Referenzpreise allerdings treiben das Gesundheitswesen in die Richtung «teurer und schlechter».

Warum teurer – es handelt sich doch um eine Massnahme, die Einsparungen zwischen 190-480 Millionen CHF verspricht?

Referenzpreise setzen bei den Arzneimitteln an, die ca. 30% der Kosten verursachen, aber den grössten Anteil an der bedarfsgerechten Versorgung in guter Qualität ausmachen. Dieser Arzneimittelbereich, der patentabgelaufenen Medikamente ist kaum kostentreibend. Die preisreduzierenden Massnahmen des BAGs der letzten Jahre wirken bei diesen 30% der Medikamente schon. Einerseits soll die laufende Überprüfung der Aufnahmebedingungen von Medikamenten auf die Spezialitätenliste weiterhin priorisiert werden.  Andererseits halten wir die Änderungen der KLV per 1. März 2017, welche über den erhöhten Selbstbehalt auf die Medikamentenpreise wirken, für ausreichend. Die Umsetzung dieser Massnahmen ist weiterzuverfolgen und zu evaluieren.

Mit der Massnahme Referenzpreise werden die patentgeschützten Medikamente, welche über 50% der Kosten verursachen und exponentiell preistreibend sind, verschont. Der Kostenzuwachs ist unter anderem auf patentgeschützte Medikamente gegen Krebs und Autoimmunerkrankungen zurückzuführen. Alle patengeschützten Medikamente werden von den Referenzpreisen nicht erfasst, obwohl sie trotz wesentlich kleinerem Volumen an der Versorgung den grossen Teil der Medikamentenkosten verursachen.

Damit wird es ohnehin teurer, weil Referenzpreise nur marginal auf die Gesamtkostenentwicklung im Medikamentenbereich wirken.

Die Anreize sind sogar so gesetzt, dass sowohl Originalhersteller, Leistungserbringer als auch häufig Patienten ein Interesse daran haben, Medikamente mit Referenzpreis durch teurere patentgeschützte Medikamente zu substituieren. Massnahmen die im patentgeschütztem Medikamentenbereich ansetzen fehlen. Es ist dringend, die Diskussion im «Kostenblock Arzneimittel» im Bereich der patengeschützten Medikamente zu führen. Soll die Referenzpreisdiskussion ablenken von den zentralen Hebeln im Gesundheitswesen?

So kaschieren Referenzpreise nur kurzfristig und nur teilweise einen Gesamtkostenanstieg. Allfällige kurzfristige Einsparungen verschwinden langfristig.

Das bedeutet, wir sprechen von einer Massnahme, deren Nebenwirkungen für Prämienzahlende und Patienten grösser sind als der Nutzen.

Eine nachhaltige Sparmassnahme, die Fairness, Solidarität und Zahlbarkeit zum Ziel hat, sieht anders aus. Referenzpreise sind ineffizient für Prämienzahlende und Patienten

Warum schlechter – wie sieht es mit der Versorgungssicherheit aus?

Betroffen von der Sparmassnahme sind neben Apotheken, Arztpraxen und Originalherstellern insbesondere die Generikahersteller. Doch schon heute gibt es im Vergleich zum Ausland relativ wenige Generika auf dem Schweizer Markt. Referenzpreise fördern diese Situation, d.h. sie verringert das Generikaangebot in der Schweiz.  Das Risiko der Geschäftsaufgabe kleinerer Anbieter vom Hersteller bis zum Leistungserbringer steigt und das Interesse in den Markt einzutreten oder eine breite Produktpalette anzubieten sinkt. Damit steigen auch Versorgungsrisiken.

Versorgungsengpässe bei Medikamenten ist aber ein tendenziell zunehmendes Phänomen und betreffen häufig Generika sowie weitere Medikamente mit abgelaufenem Patent. Also genau die Medikamente, auf welche die Referenzpreise zielen. Im Einzelfall entstehen Versorgungsprobleme da sich für den Anbieter der Vertrieb nicht mehr rechnet. Etablierte, aber lebenswichtige generische Medikamente müssen in solchen Fällen durch aufwändige und häufig teure alternative Versorgungswege beschafft werden und verhindern oder verzögern teils wichtige Therapien.

Widerspricht der Bundesrat nicht seinen Handlungsabsichten zur Generikaförderung und zur Sicherheit in der Arzneimittelversorgung?

Marktkonzentration, kleine Anzahl Anbieter, ökonomischer Druck sowie fehlende ökonomische Anreize und Abbau der Lagerhaltung sind Faktoren, die durch Referenzpreise gefördert werden und gleichzeitig Versorgungsrisiken erhöhen. Dies wirkt auf Dauer preistreibend.

Wir halten dies weder für fair, solidarisch noch zahlbar.

Warum schlechter – wie sieht es mit der Therapiesicherheit aus?

Referenzpreise haben eine Umstellung der Medikation zur Folge. Eine Änderung der Referenzpreise bewirkt wiederum eine weitere Medikationsumstellung. Der Patient hat keine Wahl, es sei denn, er zahlt selber zu. In der Literatur sind Medikationsumstellungen mit Therapieproblemen und Mehraufwand für die medikamentöse Neueinstellung assoziiert. Der Wechsel einer gut eingestellten Therapie ist mit Medikationsfehlern verbunden und negativ für die Compliance. Diese Nebenwirkungen verursachen weitere Kosten. Referenzpreise bewirken somit indirekte Kosten, deren Ausmass unbekannt sind, aber die Therapiesicherheit negativ beeinflussen.

Patienten sollen die erhöhten Kosten durch Referenzpreise, Versorgungsprobleme und Probleme in der Arzneimitteltherapie in Kauf nehmen.

Halten Sie das für fair, solidarisch und auf Dauer zahlbar?

Welches ist unsere Position zu Referenzpreisen?

Wie eingangs aufgeführt, sehen wir die Sparmassnahme Referenzpreise im Widerspruch zu den Zielsetzungen: nachhaltige Kostendämpfung, Generikaförderung, sicheren Anwendung von Arzneimitteln und sicheren Versorgung mit Arzneimitteln.

Die Prämienzahlenden und Patienten tragen nicht nur den resultierenden Gesamtkostenanstieg und die neuen Risiken in Versorgung und Therapie, er zahlt auch aus eigener Tasche dazu und hat keine Wahl.

Die Sparmassnahme Referenzpreise führt zu Mehrkosten, höheren Prämien und schlechteren Leistungen.  Damit sind Referenzpreise unfair, unsolidarisch und erhöhen die Kosten im Gesundheitswesen.

Deshalb lehnen wir die Massnahme Referenzpreise ab. 

Grundsätzlich unterstützen wir nachhaltig wirkende Massnahmen des Bundesrates im Kostenblock Medikamente. Wir sehen den Diskussions- und Handlungsbedarf allerdings bei den Arzneimitteln mit laufendem Patent, der Regulierung zum Marktzugang bzw. Markrückzug, der Transparenz der Preiskalkulation und Anpassung der Faktoren zur Preisfestsetzung, sowie der Weiterverfolgung bestehender Massnahmen.

Quellen:

  • Bericht Sicherheit in der Medikamentenversorgung -BAG 2015
  • Bericht Regulierungsfolgenabschätzung zur Einführung eines Referenzpreissystem 2018
  • IQVIA Kerndaten zum Gesundheitswesender Schweiz 2019
  • Bericht 38 Massnahmen des Bundesrates zur Kostendämpfung im Gesundheitswesen